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Open Source6 min Lesezeit

Nextcloud Hub 26 und Euro-Office: Die erste ernsthafte Microsoft-365-Alternative aus Europa? Eine nüchterne Einordnung für KMU

Nextcloud hat mit Hub 26 Spring die Office-Suite Euro-Office eingeführt, einen OnlyOffice-Fork als Alternative zu Microsoft 365. Eine nüchterne Einordnung, für wen sich der Umstieg jetzt lohnt.

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Berkan Demir
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Zum 1. Juli 2026 erhöht Microsoft die Preise für Microsoft 365 Business Standard, das gängige Office-Abo aus dem Rechenzentrum (SaaS, also gebuchte Software aus dem Netz), um rund 12 Prozent. Laut Telekom-Geschäftskunden-Blog stand zum Ankündigungszeitpunkt nur der US-Dollar-Preis fest, die endgültigen Euro-Preise sollten erst rund einen Monat vor Inkrafttreten folgen. Sie sehen die Erhöhung auf der nächsten Rechnung. Und Sie fragen sich vermutlich, ob es dazu inzwischen eine ernsthafte europäische Alternative gibt.

Am 9. Juni 2026 hat Nextcloud mit dem Update Hub 26 Spring eine solche Option auf den Tisch gelegt: eine neue Office-Suite namens Euro-Office. Ich schreibe das bewusst nüchtern, denn im Netz finden Sie genug Stimmen, die Ihnen entweder das teure Microsoft-Abo oder die kostenlose Open-Source-Lösung als alleinige Wahrheit verkaufen. Beide haben ein Interesse.

Die kurze Antwort zuerst

Die richtige Entscheidung hängt an einer einzigen Trennlinie. Läuft Ihr Büroalltag über gemeinsam bearbeitete Dokumente im Browser und überschaubare Tabellen, ist Euro-Office ab sofort ein ernsthafter Kandidat, den Sie testen sollten. Hängt Ihr Tagesgeschäft dagegen an komplexen Excel-Modellen, Makros, Serienbriefen und Feinlayout, wechseln Sie nicht blind, sondern prüfen zuerst mit Ihren eigenen Echtdateien, wo es reibt. Euro-Office ist ein Werkzeug, kein Wundermittel.

Was mit Hub 26 Spring wirklich neu ist

Der Kern der Ankündigung ist Euro-Office. Laut Nextcloud-Blog kommt die Suite als zweite werkseitige Office-Option in Nextcloud Office dazu, neben der bisherigen, auf Collabora basierenden Variante. Wichtig für Ihre Einordnung: Das ist kein Ersatz, sondern eine zusätzliche Wahlmöglichkeit. Collabora bleibt bestehen. Laut Nextcloud-Pressemitteilung ist Euro-Office eine vollständige Office-Suite mit kollaborativen Editoren für Textdokumente, Tabellen, Präsentationen und PDF-Dateien.

Technisch ist Euro-Office kein Eigengewächs. Laut Wikipedia ist es ein Fork der Office-Suite OnlyOffice, also eine eigenständig weiterentwickelte Kopie deren Quellcodes, und nicht der LibreOffice-basierten Collabora-Variante. Die erste stabile Version 1.0 erschien am 9. Juni 2026, zeitgleich mit Hub 26 Spring. Nextcloud positioniert die Suite ausdrücklich als Mittel, um Unternehmen und Behörden unabhängig von Microsoft Office oder Google Docs zu machen. Das ist eine werbliche Herstelleraussage, kein neutraler Praxistest.

Hinweis

Der Fork war kein reibungsloser. Im April 2026 hatte OnlyOffice die achtjährige Partnerschaft mit Nextcloud ausgesetzt und öffentlich Verstöße gegen die quelloffene AGPLv3-Lizenz vorgeworfen, konkret fehlende Marken- und Quellenangaben. Laut Nextcloud-CEO Karlitschek war der Streit bis zum Launch am 9. Juni 2026 durch nachträgliche Nennungen beigelegt. Wer Ihnen Euro-Office als einvernehmliches Gemeinschaftswerk verkauft, verkürzt die Geschichte.

Und hier liegt der wunde Punkt, den ich nicht verschweige. Euro-Office speichert neue Dokumente standardmäßig im proprietären Microsoft-Format OOXML, der Grundlage von .docx, .xlsx und .pptx. Das erleichtert den Umstieg von Word und Excel, hält das Format aber weiter von Microsoft abhängig. Die Document Foundation hinter LibreOffice kritisiert in einem offenen Brief vom 8. Juni 2026 genau das: Der Standard mache Euro-Office trotz Souveränitäts-Anspruch zum, so wörtlich, "de facto ally of Microsoft in its content lock-in strategy". Das ist eine Gegenposition eines Konkurrenzprodukts, aber die Sachlage zum Default-Format stimmt.

Achtung

Souveränität am Server heißt nicht automatisch Souveränität am Dateiformat. Wenn Ihre Dokumente weiter im Microsoft-Format OOXML liegen, haben Sie den Anbieter der Software gewechselt, nicht die Kontrolle über das Format. Das ist keine schlechte Nachricht, es ist ein Befund, den Sie kennen sollten, bevor Sie mit dem Argument Unabhängigkeit umsteigen.

Dazu kommt eine schlankere Oberfläche. Laut Pressemitteilung bringt das Update ein neues Waffle-Menü als App-Umschalter, also die Kachel-Schaltfläche zum Wechseln zwischen den Anwendungen, wie man sie aus anderen Kollaborationswerkzeugen kennt. Das ist Bedienkomfort, keine Office-Funktion. Das Nextcloud-Ökosystem ist dabei kein Neuland: Laut Wikipedia bildet es bereits das Fundament der deutschen Verwaltungslösung openDesk, die für den öffentlichen Sektor als Alternative zu Microsoft entwickelt wird. Wichtig zur Trennung: openDesk nutzt als Office-Komponente bislang Collabora Online, nicht Euro-Office. Die gemeinsame Basis ist Nextcloud, die Office-Engine ist es nicht.

Bleibt das Geld. Laut Nextcloud-Preisliste beginnen die Enterprise-Abos bei 100 Nutzern, der Standard-Tarif kostet ab dieser Größe 71,29 Euro pro Nutzer und Jahr netto, ab 200 Nutzern sinkt er auf 53,17 Euro. Für einen Betrieb mit 20 Leuten greift dieser Staffelpreis also noch nicht. Und jetzt kommt die ehrliche Stelle: Einen sauberen Euro-gegen-Euro-Vergleich zu Microsoft 365 rechne ich Ihnen hier bewusst nicht vor, der wäre erfunden. Der finale Euro-Listenpreis für Business Standard nach dem 1. Juli 2026 stand zum Redaktionszeitpunkt nicht als Primärquelle fest, und was der Betrieb des Euro-Office-Servers im eigenen Haus zusätzlich kostet, ist aus der Plattform-Preisliste nicht ablesbar. Wer Ihnen daraus eine exakte Ersparnis nennt, schätzt.

Für welchen Betrieb sich Euro-Office jetzt lohnt

Profil A: Kleiner Dienstleister, viel gemeinsame Textarbeit

Stellen Sie sich ein Berliner Dienstleistungsunternehmen mit rund 20 Mitarbeitenden vor. Angebote, Protokolle und Konzepte entstehen gemeinsam im Browser, komplexe Rechenmodelle gibt es kaum. Meine Empfehlung für dieses Profil: ein guter Kandidat. Starten Sie mit einem Pilotteam und halten Sie Collabora oder Word als Rückfalloption bereit, bis der Alltag den Test bestanden hat.

Profil B: Zahlen- und layoutlastiger Betrieb

Ein Ingenieurbüro oder eine Steuerkanzlei mit fünfzehn Arbeitsplätzen, deren Tagesgeschäft an komplexen Excel-Modellen, Makros und Serienbriefen hängt. Meine Empfehlung für dieses Profil: nicht blind wechseln. Testen Sie zuerst mit echten Dateien und behalten Sie für die kritischen Sonderfälle eine Word- und Excel-Insel. Wenn Ihnen hier jemand den sofortigen Komplettumstieg verspricht, ist das zu viel versprochen.

Profil C: Betrieb bereits auf Nextcloud

Sie betreiben Nextcloud schon als Dateiablage im eigenen Haus (On-Premises, also auf eigener Hardware statt in fremder Cloud). Meine Empfehlung für dieses Profil: Für Sie ist die Hürde am niedrigsten. Euro-Office kommt mit Hub 26 Spring als zweite Office-Option dazu, neben dem bisherigen, auf Collabora basierenden Editor. Sie können es aktivieren und testen, ohne Ihr Fundament anzufassen.

Hinweis

Hub 26 Spring bringt auch ein neues Compliance-Werkzeug namens Nextcloud Governance. Achten Sie auf das Kleingedruckte: Nextcloud richtet es laut eigener Ankündigung an größere Unternehmen, wörtlich larger enterprises. Für einen Betrieb mit 5 bis 50 Mitarbeitenden ist das nicht das Kernargument für oder gegen Euro-Office.

So testen Sie es ehrlich, bevor Sie umstellen

  1. Nehmen Sie Ihre fünf wichtigsten Echtdokumente, nicht ein sauberes Musterblatt. Der Grund: Reibung zeigt sich an Makros, Serienbriefen und Feinlayout, nicht an einer leeren Seite.
  2. Lassen Sie zwei oder drei Kollegen dasselbe Dokument gleichzeitig bearbeiten. Der Nutzen: Sie sehen, ob die kollaborative Bearbeitung im Alltag trägt, bevor Sie umstellen.
  3. Speichern, schließen und in Word wieder öffnen. Der Grund: Der Formatwechsel über OOXML ist der Punkt, an dem Layout entweder hält oder kippt.
  4. Behalten Sie parallel eine kleine Word- und Excel-Insel für die Sonderfälle. Der Nutzen: Sie senken Kosten im Regelfall, ohne den kritischen Ausnahmefall zu gefährden.

Tipp

Machen Sie den Test mit den Dateien, die im Ernstfall wehtun würden, nicht mit den bequemen. Ein Angebot, das gut aussieht, sagt wenig. Die verschachtelte Kalkulationstabelle mit Makro sagt alles.

Mein Fazit

Mein Fazit fällt nüchtern aus. Mit Euro-Office hat Nextcloud eine europäische Office-Option gebaut, die den Umstieg von Word und Excel bewusst leicht macht, indem sie standardmäßig im Microsoft-Format speichert. Das ist Stärke und Schwäche in einem. Sie gewinnen Kompatibilität, Sie bleiben aber beim Dateiformat weiter von Redmond abhängig. Genau daran entzündet sich die Kritik der Document Foundation, und sie ist nicht unberechtigt.

Die gute Nachricht: Sie müssen sich nicht heute festlegen. Nextcloud lässt Ihnen mit Collabora und Euro-Office zwei Wege parallel. Was Sie nicht tun sollten, ist das Naheliegende: die steigende Microsoft-Rechnung achselzuckend abhaken und weder die Alternative testen noch die eigene Abhängigkeit einmal ehrlich beziffern. In meinen Bestandsaufnahmen bei Betrieben dieser Größe sehe ich genau diesen Reflex am häufigsten.

Ich habe die Microsoft-365-Preiserhöhung zum 1. Juli 2026 auf meine tatsächliche Nutzerzahl umgerechnet.
Ich habe eine kurze Liste der Dokumente erstellt, an denen mein Tagesgeschäft wirklich hängt: Makros, komplexe Excel-Modelle, Serienbriefe.
Ich habe geprüft, ob wir Nextcloud bereits als Dateiablage nutzen und Euro-Office dort nur als zweite Office-Option dazukommt.
Ich habe verstanden, dass Euro-Office standardmäßig im Microsoft-Format OOXML speichert und was das für meine Unabhängigkeit bedeutet.
Nächster Schritt: Euro-Office mit meinen fünf wichtigsten Echtdateien testen, bevor ich über einen Wechsel entscheide.